Eine Erinnerung aus der Jugend von Franz H. Ruchti

Es war ein kalter Morgen am Genfersee, irgendwann Mitte der 1950er-Jahre. Über den Hügeln von Montreux lag Nebel, und die ersten Sonnenstrahlen spiegelten sich auf dem stillen Wasser. Der zwölfjährige Franz H. Ruchti war bereits seit Stunden auf den Beinen.

Nach dem plötzlichen Tod seiner Mutter war Franz zusammen mit seinen Geschwistern zu Verwandten in die Westschweiz gebracht worden. Sein Vater galt als überfordert mit der Erziehung der vier Kinder. Für Franz begann damit eine schwierige Zeit fern der Heimat — zwischen französischer Sprache, fremden Gesichtern und dem Gefühl, plötzlich erwachsen werden zu müssen.

Um die Familie zu unterstützen, arbeitete Franz frühmorgens als Ausläufer für eine kleine Bäckerei in Montreux. Noch vor Schulbeginn lieferte er Brot, Gipfeli und Milch an Hotels, Pensionen und Villen entlang des Genfersees.

Die Villa oberhalb von Corsier

An jenem Morgen erhielt er einen ungewöhnlichen Auftrag. Der Bäcker drückte ihm einen Korb mit frischem Brot in die Hände und sagte nur:
„Villa oberhalb von Corsier-sur-Vevey. Und sei höflich.“

Der Weg führte Franz durch stille Alleen und vorbei an grossen Gärten. Die Villa lag etwas versteckt hinter hohen Zypressen. Als er die Klingel drückte, hörte er langsame Schritte im Haus.

Dann öffnete sich die Tür.

Franz erstarrte.

Vor ihm stand ein älterer Mann mit strengem Blick, sorgfältig gekämmtem Haar und einem schmalen Schnurrbart. Der Junge erschrak so sehr, dass er beinahe den Brotkorb fallen liess.

Denn Franz glaubte sofort zu wissen, wen er vor sich hatte.

Adolf Hitler.

Der Junge kannte das Gesicht aus dem Film Der grosse Diktator, den er heimlich mit älteren Jugendlichen gesehen hatte. Dort wurde Hitler von Charlie Chaplin parodiert — laut, wütend und furchteinflössend.

Doch der Mann vor ihm sprach ruhig und freundlich.

„Bonjour, jeune homme“, sagte er mit leicht deutschem Akzent und lächelte sogar kurz.

Franz brachte kein Wort heraus. Mit zitternden Händen übergab er das Brot. Der ältere Herr bedankte sich höflich, griff in seine Westentasche und gab dem Jungen ein ungewöhnlich grosszügiges Trinkgeld.

„Merci beaucoup“, stammelte Franz schliesslich.

Der Mann nickte nur freundlich und schloss langsam die Tür.

Eine Geschichte fürs ganze Leben

Den ganzen Rückweg nach Montreux dachte Franz über die Begegnung nach. Hatte er sich geirrt? War es wirklich Adolf Hitler gewesen? Oder nur ein Mann, der ihm ähnlich sah?

Jahrzehnte später erzählte Franz H. Ruchti die Geschichte immer wieder in geselligen Runden. Manche Zuhörer lachten, andere hörten fasziniert zu. Beweisen konnte er die Begegnung nie.

Historisch wäre eine solche Begegnung äusserst unwahrscheinlich gewesen — doch genau das machte die Geschichte für Franz so rätselhaft. Vielleicht war es nur die Fantasie eines erschrockenen Jungen. Vielleicht aber blieb ihm jener Morgen deshalb so lebhaft in Erinnerung, weil er zum ersten Mal begriff, wie sehr Wirklichkeit und Vorstellung manchmal ineinander verschwimmen können.

Und noch viele Jahre später soll Franz gesagt haben:
„Das Verrückteste war nicht das Gesicht. Sondern wie freundlich der Mann gewesen ist.“