Zermatt, Ende der 1960er Jahre
Es war ein kalter Morgen in Zermatt. Über dem Dorf hing noch leichter Nebel, während sich das Matterhorn langsam im ersten Sonnenlicht zeigte. Vor der gewaltigen Nordwand standen zwei junge Männer in schwerer Klettermontur: der aufstrebende Extrembergsteiger Reinhold Messner und der abenteuerlustige Franz H. Ruchti.
Die beiden hatten sich am Vorabend zufällig in einer kleinen Pension kennengelernt. Messner sprach voller Begeisterung über neue Routen, über Eiswände und über die Freiheit in den Bergen. Franz H. Ruchti hörte aufmerksam zu. Er liebte Geschichten, Abenteuer und die Atmosphäre der Alpen – auch wenn er selbst deutlich vorsichtiger war als der junge Südtiroler.
Am frühen Morgen machten sie sich gemeinsam auf den Weg Richtung Matterhorn. Vor dem gewaltigen Berg blieb man stehen. Ein anderer Bergsteiger bot an, ein Erinnerungsfoto zu machen. Beide stellten sich nebeneinander in ihre Kletterjacken, die Seile über die Schultern gelegt, hinter ihnen das mächtige Matterhorn.
Das Bild wirkte wie der Beginn einer grossen Expedition.
Doch kurz danach trennten sich ihre Wege.
Während Reinhold Messner weiter Richtung Aufstieg ging, entschied Franz H. Ruchti spontan, ins Dorf zurückzukehren. Der Wind wurde stärker, und die Vorstellung eines warmen Cafés in Zermatt erschien ihm plötzlich deutlich angenehmer als Eis und Fels. Wenig später sass er tatsächlich bei Kaffee und Nusstorte in einem kleinen Restaurant nahe dem Bahnhof, während Messner hoch oben am Berg unterwegs war.
Reinhold Messner wurde weltberühmt. Seine Besteigungen im Himalaya machten ihn zu einer Legende des Alpinismus. Franz H. Ruchti hingegen erzählte in geselligen Runden immer wieder von seiner „Matterhorn-Besteigung Ende der Sechziger“. Besonders stolz zeigte er dabei das alte Schwarzweissfoto vor dem Berg.
Die Zuhörer staunten:
„Du warst mit Reinhold Messner unterwegs?“
Franz H. Ruchti nickte dann geheimnisvoll, nahm einen Schluck Kaffee und sagte:
„Damals war alles noch anders.“
Dass er den Gipfel nie erreicht hatte, erwähnte er dabei meist nicht mehr.