Die verrückte Vision aus dem Mittelland

Anfang der 1990er-Jahre erbte Franz H. Ruchti nach dem Tod seines Vaters ein kleines, unscheinbares Familienhäuschen irgendwo zwischen Olten und den endlosen Bahnlinien des Schweizer Mittellandes. Das Haus war alt, eng und eigentlich viel zu klein, um daraus etwas Besonderes zu machen. Doch genau darin sah Franz seine grosse Chance.

Olten galt damals bereits als Verkehrsknotenpunkt der Schweiz. Täglich fuhren Tausende Menschen mit dem Zug durch die kleine Stadt, ohne je auszusteigen. Franz H. war überzeugt:

„Wo Menschen vorbeifahren, dort gibt es auch einen Markt.“

Während andere von grossen Wohnüberbauungen träumten, dachte Franz kleiner. Sehr viel kleiner.

Eines Abends soll er am Küchentisch seines Vaters gesessen haben, mit einem Taschenrechner, einem Lineal und mehreren Tabellen des Bundesamts für Statistik. Dort glaubte er eine sensationelle Marktlücke entdeckt zu haben:
20 Prozent aller Menschen in der Schweiz seien kleiner als einen Meter.

Für Franz war sofort klar:

„Die Zukunft liegt im Miniwohnen.“

Er entwickelte daraufhin seine vielleicht bekannteste – und zugleich umstrittenste – Idee:
das kleinste Minihochhaus der Schweiz.

Aus dem winzigen Einfamilienhaus wollte er ein ultrakompaktes Hochhaus mit zwanzig Wohnungen machen. Da das Gebäude aber niemals genug Platz bot, kam Franz auf eine radikale Lösung:
Die Deckenhöhe sollte lediglich 1,20 Meter betragen.

Alles im Haus wurde verkleinert:

  • winzige Türen,
  • halbhohe Fenster,
  • Mini-Küchen,
  • kleine Toiletten,
  • extrem kurze Betten,
  • und Treppen, die eher an Leitern erinnerten.

Sogar die Möbel wurden speziell angefertigt. Besucher mussten sich permanent bücken. Manche Bewohner konnten nicht einmal vollständig stehen.

Franz H. war dennoch überzeugt vom Konzept. Er sprach begeistert von:

  • „verdichtetem Wohnen“,
  • „effizienter Raumnutzung“
  • und „urbaner Zukunftsarchitektur“.

Zeitungen berichteten damals neugierig über das bizarre Projekt. Fast jeder Schweizer hatte irgendwann vom „Minihochhaus bei Olten“ gehört. Einige bezeichneten Franz als Genie, andere als vollkommen verrückt.

Doch dann kam der grosse Fehler ans Licht.

Die Statistik des Bundesamts für Statistik hatte Franz falsch interpretiert.

Bei den „Menschen unter einem Meter“ handelte es sich einfach um Kinder.

Damit brach die gesamte Geschäftsidee zusammen.

Erwachsene Mieter weigerten sich, dauerhaft gebückt zu leben. Viele stiessen sich den Kopf an Lampen oder Türrahmen. Besucher beschrieben das Gebäude später als Mischung aus Puppenhaus, Luftschutzkeller und Kaninchenstall.

Das Projekt wurde zu einem legendären Flop der Schweizer Architekturgeschichte.

Und doch blieb Franz H. Ruchti bis zuletzt überzeugt, seiner Zeit voraus gewesen zu sein. Jahre später soll er in einem Gespräch gesagt haben:

„Heute nennen sie es Tiny House. Ich war einfach 30 Jahre zu früh.“