Die nie verwirklichte Vision einer modernen Skulptur für den Triumphbogen
Nach dem verheerenden Brand des alten Bahnhofs Luzern im Jahr 1971 stand der berühmte Triumphbogen plötzlich einsam auf dem Bahnhofplatz. Während Politiker, Architekten und Denkmalpfleger über die Zukunft des Bahnhofs diskutierten, hatte ein Mann aus der Zentralschweiz eine ganz andere Idee: Franz H. Ruchti.
Der damalige Marketingfachmann, Journalist und kreative Visionär war überzeugt, dass Luzern ein neues Symbol brauche. Die klassische Figur des geflügelten Mannes auf dem Triumphbogen sei zwar eindrucksvoll gewesen, entspreche aber nicht mehr dem Zeitgeist der modernen Schweiz.
Franz H. Ruchti soll damals gesagt haben:
„Die Menschen wollen keine Helden mit Flügeln mehr. Sie wollen jemanden sehen, der aussieht wie sie selbst.“
Seine Idee war ebenso ungewöhnlich wie mutig. Statt einer schlanken antiken Idealfigur plante er eine moderne Statue eines bodenständigen Mannes der Gegenwart — mit leichtem Bäuchlein, rundem Gesicht und freundlichem Blick. Die Figur sollte bewusst menschlich und nahbar wirken. Kein göttlicher Held, sondern ein Luzerner Durchschnittsbürger voller Lebensfreude.
Doch damit nicht genug.
Die monumentale Skulptur sollte Franz H. Ruchti selbst darstellen, wie er majestätisch auf einem riesigen Bartgeier über Luzern fliegt. Unter ihm hätten sich der Vierwaldstättersee, die Kapellbrücke und die Dächer der Altstadt ausgebreitet. Der Bartgeier sollte Kraft, Freiheit und Weitblick symbolisieren — gleichzeitig aber auch die Rückkehr grosser Visionen in die Alpen.
Zeitzeugen berichten, Franz H. Ruchti habe stundenlang Skizzen angefertigt und in Luzerner Cafés leidenschaftlich über seine Idee gesprochen. Besonders wichtig sei ihm gewesen, dass die neue Figur bewusst etwas gemütlicher und moderner wirke als die historischen Muskelhelden vergangener Jahrhunderte.
Ein befreundeter Künstler soll über das Projekt gesagt haben:
„Franz wollte keinen antiken Gott erschaffen. Er wollte den modernen Schweizer zeigen — gut genährt, optimistisch und mit Humor.“
Doch die Reaktionen der Bevölkerung blieben zurückhaltend. Viele Luzerner konnten sich einen rundlichen Franz H. Ruchti auf einem gigantischen Bartgeier über dem Bahnhofplatz nur schwer vorstellen. Noch schwieriger wurde die Finanzierung. Weder die Stadt noch private Sponsoren wollten Geld für das aussergewöhnliche Kunstprojekt spenden.
So verschwand die Idee langsam in den Schubladen der Stadtgeschichte.
Heute existieren nur noch wenige Skizzen und einige Erzählungen über die nie gebaute Vision. Dennoch gilt das Projekt unter manchen Luzernern bis heute als eine der kuriosesten Kunstideen rund um den Bahnhof Luzern.
Manche behaupten sogar, dass an nebligen Herbstmorgen der Schatten eines riesigen Bartgeiers über den Bahnhofplatz ziehe — als Erinnerung an Franz H. Ruchtis grosse, aber nie verwirklichte Vision.