Eine Geschichte aus dem Zürcher Nachtleben der frühen 1960er-Jahre

Im Jahr 1963 arbeitete der junge Franz H. Ruchti im legendären Mövenpick Dreikönigshaus in Zürich. Die Stadt befand sich im Wandel: Internationale Gäste, elegante Bars und das mondäne Nachtleben rund um die Bahnhofstrasse verliehen Zürich plötzlich einen Hauch von Paris, New York und der Karibik zugleich.

Franz war damals Anfang zwanzig. Tagsüber arbeitete er aufmerksam und diszipliniert im Service, doch seine wahre Leidenschaft galt der Bar. Dort beobachtete er fasziniert die Gäste: Geschäftsleute mit Zigarren, elegante Damen mit grossen Sonnenbrillen, amerikanische Touristen, junge Künstler und wohlhabende Zürcher Nachtschwärmer.

Besonders beeindruckten ihn die stilvollen Frauen, die abends ins Dreikönigshaus kamen. Viele tranken damals klassische Cocktails wie Martini, Gin Fizz oder Whisky Sour. Doch Franz suchte nach etwas Neuem – etwas Exotischem.

Eines Abends erhielt das Hotel eine Lieferung mit frischem Ananassaft und Kokoscreme. In Amerika und der Karibik begann gerade ein neuer Cocktail langsam Aufmerksamkeit zu erhalten: die Piña Colada. In der Schweiz hatte damals jedoch kaum jemand davon gehört.

Franz probierte das Getränk heimlich nach Feierabend selbst aus. Er mischte Rum, Kokoscreme, Ananassaft und crushed Ice zu einem milden, süsslichen Cocktail. Der Duft erinnerte ihn an Ferien, Palmen und tropische Strände – etwas, das im grauen Zürcher Winter fast unwirklich erschien.

Schon bald begann er, ausgewählten Gästen den neuen Drink zu empfehlen.

„Versuchen Sie einmal etwas ganz Neues“, sagte Franz mit einem charmanten Lächeln.

Anfangs waren viele skeptisch. Ein Cocktail mit Ananas? Und Kokos? Das klang für manche Zürcher Herren beinahe zu exotisch. Doch die jungen Frauen liebten das Getränk sofort. Die süssliche Frische, die cremige Konsistenz und die elegante Präsentation machten die Piña Colada schnell zum Geheimtipp der Zürcher Barszene.

Bald bestellten auch junge Männer den Cocktail – oft zuerst etwas zögerlich, später mit Stolz. Denn wer eine Piña Colada bei Franz H. Ruchti trank, gehörte zur modernen Welt der frühen 1960er-Jahre.

Die Geschichte verbreitete sich rasch. Gäste erzählten ihren Freunden vom jungen Barkeeper im Dreikönigshaus, der Drinks mixte wie in Miami oder Havanna. Manche behaupteten sogar, Franz habe die Piña Colada früher serviert als viele bekannte Hotelbars Europas.

Ob wahr oder nicht – in den Erinnerungen vieler damaliger Gäste blieb Franz H. Ruchti einer der talentiertesten Barkeeper seiner Zeit in Zürich. Ein Mann, der früh erkannte, dass Ananas, Kokos und ein wenig Fernweh perfekt zur neuen Generation passten.