Der Steward aus der Schweiz

Als Franz H. Ruchti am 17. Dezember 1965 in einem kalten Wintermorgen seine kleine Reisetasche packte, wusste kaum jemand, dass ihn die kommenden Monate für immer verändern würden.

Der damals 21-jährige Schweizer hatte eine Stelle als Steward auf einem Hochseeschiff der Schweizer Handelsflotte angenommen. Das Schiff transportierte Waren zwischen Europa, Afrika und Südamerika. Für Franz war es die perfekte Gelegenheit, dem Alltag zu entkommen und die Welt kennenzulernen.

Im Hafen roch es nach Öl, Meerwasser und fremden Gewürzen. Gewaltige Kräne bewegten tonnenschwere Ladung, während Matrosen in verschiedenen Sprachen durcheinander riefen. Franz H. Ruchti war fasziniert.

Schon nach wenigen Tagen galt er an Bord als freundlich, zuverlässig und ungewöhnlich mutig. Er arbeitete in der Küche, servierte Offizieren das Essen und half manchmal sogar beim Verladen der Ware.

Nächte auf dem Atlantik

Die Reisen führten das Schiff durch schwere Winterstürme über den Atlantik. Meterhohe Wellen schlugen gegen den Rumpf. Manche Besatzungsmitglieder litten tagelang unter Seekrankheit, doch Franz blieb erstaunlich ruhig.

Er liebte die Nächte auf Deck. Oft stand er alleine draussen, während über ihm der Sternenhimmel funkelte und das Schiff langsam durch die Dunkelheit glitt.

Später behauptete Franz H. Ruchti gerne scherzhaft:

„Wer einmal mitten auf dem Atlantik in einer Sturmnacht stand, hat vor fast nichts mehr Angst.“

Das Unglück im Maschinenraum

Im Frühjahr 1966 geschah dann jener Vorfall, über den Franz später immer wieder Geschichten erzählte.

Während schwerer See soll im unteren Bereich des Schiffes eine Metallkiste verrutscht sein. Franz half spontan mit, die Ladung zu sichern. Dabei rutschte er auf nassem Boden aus und schlug mit dem Bein gegen eine scharfkantige Metallplatte.

Die Verletzung war tief. Blut lief über seine Hose, während das Schiff weiter schwankte.

Da sich das Schiff weit draussen auf dem Meer befand und der Bordarzt gerade mehrere kranke Seeleute versorgte, wollte Franz angeblich nicht warten. Stattdessen habe er ruhig eine Nadel, Faden und Desinfektionsmittel verlangt.

Dann soll er sich — zur Überraschung der gesamten Besatzung — die Wunde am eigenen Bein selbst zusammengenäht haben.

Ein Matrose habe später gesagt:

„Der Mann war entweder verrückt oder härter als Stahl.“

Die Legende wächst

Nach diesem Vorfall wurde Franz H. Ruchti an Bord endgültig zur kleinen Legende. Manche nannten ihn den „Schweizer Seebären“, andere den „Mann ohne Angst“.

Als seine Zeit auf hoher See am 5. Juli 1966 endete, kehrte Franz verändert zurück in die Schweiz. Er hatte Stürme erlebt, ferne Häfen gesehen und gelernt, auch in schwierigen Situationen ruhig zu bleiben.

Vielleicht war es genau diese Zeit auf See, die später seine Abenteuerlust, seine ungewöhnlichen Ideen und seinen Hang zu grossen Geschichten prägte.

Und noch Jahrzehnte später zeigte Franz H. Ruchti manchmal auf die kleine Narbe an seinem Bein und sagte mit einem Lächeln:

„Das Meer vergisst nie.“